Month: Juli 2015

In München leben ist immer scheiße

Die Tage habe ich einen Artikel auf Spiegel Online gelesen. Angeteasert wurde ich mit „Verkäuferin mit wenig Geld – So kommt man in München mit 2367 Euro brutto über die Runden“

Um den Spannungsbogen gleich abzusenken: wir erfahren nichts aus dem Teaser. Dafür gibts einige andere wertvolle Hinweise. Aber der Reihe nach:
2367 Euro brutto halte ich für ein gar nicht so schlechtes Gehalt für eine Verkäuferin. Im Einzelhandel gibts auch schnell mal nur 1500 Brutto und 20 Tage Urlaub. Insofern, Glück gehabt, auch wenn es natürlich nicht viel Geld ist. Wir erfahren auch, dass sie nichts davon sparen kann. Kein Wunder denkt sich der normal gebildete Leser, schließlich ist die Miete in München ja exorbitant teuer.

Im Nächsten Satz erfahren wir aber, dass sie spart. Und zwar das Kindergeld, das wird zurückgelegt. Aha. 184 Euro schonmal gespart. Der Sohnemann hat Abi gemacht und wohnt noch zuhause. Er hat noch keinen Studienplatz, ob er irgendetwas arbeitet und vielleicht zur Miete beiträgt, wir erfahren es nicht. Aber das ist dann natürlich schon hart, zu zweit in einer Wohnung im exorbitant teuren München. Ist München eigentlich auch für andere Sachen als sehr teuer bekannt? Kostet Butter 5 Euro? Ich weiß es nicht, alle Welt stöhnt immer nur über die teure Miete. Da hat die Verkäuferin aber Glück, dass das einzig teure im teuren München für sie nicht teuer ist. Die 3 Zimmer Küche Bad Wohnung kostet 780 Euro monatlich. Warm. Also das zahle ich ja auch. Allerdings wohne ich in einer Kleinstadt. Und habe ein Zimmer weniger.

Was also ist der große Kostenfaktor, den die arme Verkäuferin tragen muss? Wir erfahren es nicht. Stattdessen erfahren wir, dass sie auch einen Mann hat, der Vollzeit als Haustechniker arbeitet. Was er verdient ist für die Autorin des Artikels unerheblich, Haustechniker ist jedenfalls auch nicht der schlechteste Beruf. Die Vermutung liegt nahe, dass er ein wenig mehr als seine Frau verdient. Der Nettoverdienst beträgt locker 3000 Euro in der Familie, wenn nicht mehr. Wie schlimm muss München sein, dass (mindestens) 2200 Euro nach Abzug der Miete nicht reichen? Wir erfahren es nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass die Verkäuferin ihr Geld Verdi in den Rachen schmeisst, wo sie sich auch gerne engagiert? Im Artikel erscheint Verdi in einem ganz tollen Licht, denn es gibt tolle Tarifabschlüsse mit 2% und 2,5% Gehaltserhöhung. Danke Verdi! Victoria Sklomeit von Verdi hält unsere Verkäuferin für eine Lebenskünstlerin, weil sie mit ihrem Geld zurecht kommt. Auch sie ignoriert das zweite Einkommen.

Alles in allem ist dieser Artikel unvollständig, dumm und eine Lobhudelei auf Verdi. Ich verstehe nicht, wie so ein Artikel entsteht. Was denkt sich die Journalistin, die diesen Artikel für die DPA geschrieben hat? Hat Verdi diesen Artikel lanciert? Schaut da keiner drüber und sagt hey Moment, das ergibt doch von vorne bis hinten keinen Sinn?

Und selbst wenn die Qualitätskontrolle bei der DPA versagt, wie schafft es dieser Artikel auf Spiegel Online? Liest da keiner, was die auf die Webseite setzen?
Und warum ist derselbe Artikel auch bei der SZ, Welt Kompakt, Abendzeitung München und wer weiß noch wo zu finden? Ist das jetzt normal, unvollständige, schlecht recherchierte Werbeartikel in den größeren Medien mit einem gewissen Anspruch zu lesen? Ich finde sowas ja nur peinlich.

PS: Scheinbar haben die genannten Medien die DPA-Meldung einfach übernommen, nur SPON hat noch etwas geändert. Da verdient die Verkäuferin nicht 2367 Euro brutto, sondern bekommt 2367 Euro brutto überwiesen. Ja, genau.